Zum Mitspielen: Das Aromatherapie Bullshit-Bingo

1. März 2020
Aromatherapie Bullshit Bingo

Wenn es um Aromatherapie, Aromapflege und die Anwendung ätherischer Öle im Allgemeinen geht, kursieren ja die skurrilsten Aussagen und Empfehlungen. Ich habe selbst inzwischen einen ganzen Fundus an Aussagen, die mir (vor allem im Netz) schon begegnet sind.  Auf Instagram habe ich euch neulich nach Anekdoten in diesem Kontext gefragt und da waren ein paar weitere Perlen dabei. Meine „Favoriten“ habe ich nun in ein Bullshit-Bingo gepackt. Da die darin enthaltenen Statements zum Teil nicht nur skurril oder lustig, sondern bisweilen auch gefährlich sind, möchte ich sie nicht unkommentiert lassen. Nach dem Bingo folgen daher noch ein paar Worte dazu. Jedes einzelne Bingo-Feld wäre dabei sicherlich einen eigenen Blogbeitrag wert.

Ihr könnt nun aber erst einmal fleißig mitspielen und schauen, wie viele der folgenden Statements euch auch schon zu Ohren gekommen sind:

Aromatherapie Bullshit Bingo

Und nun noch ein paar Worte zu den einzelnen Aussagen:

„Aromatherapie? Also ich glaube ja nicht an so esoterische Sachen.“

Gut, muss man auch gar nicht, denn Aromatherapie hat mit Esoterik wenig zu tun, sonst würden die Öle ja auch nicht ätherische, sondern esoterische Öle heißen. ;-) Sicher gibt es Menschen, die glauben, dass man mit ätherischen Ölen Kontakt zu Engeln aufnehmen kann oder ähnliches, aber darum geht es bei der Aromatherapie nicht. Wir reden hier über die Wirkung der chemischen Inhaltsstoffgruppen wie Monoterpene, Sesquiterpene, aromatische Verbindungen und Co., deren Wirkungen sich in klinischen Studien nachweisen lassen. Wenn man also die Sachen aus dem Chemie- und Biologie-Unterricht für esoterischen Humbug hält, dann fallen ätherische Öle auch in diese Kategorie – ansonsten aber eben auch nicht.

„Ätherische Öle sind doch Natur pur, da kann gar nichts bei der Anwendung schief gehen.“

Lasst ihr auch beim Pilze-Sammeln Fliegenpilze stehen? Ja? Okay, dann sollte klar sein, dass „Natur pur“ kein Garant für Verträglichkeit ist. Ätherische Öle sind gebündelte Pflanzenkraft und entsprechend sollte auch mit ihnen umgegangen werden – insbesondere in Hinblick auf Verdünnungen und die Auswahl geeigneter Öle. Unliebsame Reaktionen und Allergien sind bei ätherischen Ölen auf jeden Fall möglich (und bei manchen Ölen aufgrund ihrer Inhaltsstoffe wahrscheinlicher als bei anderen, wenn sie nicht sachgemäß angewendet werden). Darauf komme ich nachher nochmal zurück.

„Ich bin auch ein Fan von Aromaölen!“

Hm, ja, okay…. Ich persönlich bin aber gar kein Fan des Wortes „Aromaöle“, denn es sagt so ziemlich gar nichts über die Herkunft oder die Qualität aus. Genau genommen ist ein Aromaöl einfach ein duftendes Öl, oder? Ist das jetzt synthetischen oder natürlichen Ursprungs? Ist es naturrein oder wurde es noch nachbearbeitet, gestreckt, zurechtgestutzt oder durch Zusätze olfaktorisch aufgehübscht? Keine Ahnung! „Naturreines ätherisches Öl“ ist immer noch die verlässlichste Bezeichnung für die Substanzen, mit denen ich arbeiten möchte.

„Diese Öle sind besonders hochschwingend.“

Es sind Aussagen wie diese, die ätherische Öle dann doch wieder in die Esoterik-Ecke zurückdrängen. Sorry, aber da bin ich raus.

„Zimtrindenöl hilft total gut gegen Wachstumsschmerzen bei Kindern – einfach pur auf die Schienbeine auftragen!“

Nein, nein und nochmals nein! Liebe Mütter und Väter, bitte macht das auf gar keinen Fall! Das ist eine der schwachsinnigsten Empfehlungen, wenn es um die Anwendung ätherischer Öle bei Kindern geht! Pures, unverdünntes Zimtrindenöl gehört aufgrund des hohen Anteils an Zimtaldehyd nicht auf Kinderhaut (und genau genommen auf die Haut gar keines Menschen). Wenn ihr eure Kleinen bei Wachstumsschmerzen unterstützen wollt, dann nutzt lieber eine Mischung auf der Grundlage von Johanniskrautöl. Z. B. für Kinder ab 6 Jahren: 6 Tr. Cajeput, 2 Tr. Lavendel fein und 2 Tr. Mandarine rot auf 50 ml Johanniskrautöl (Quelle: Aromatherapie für Kinder von Eliane Zimmermann und Sabrina Herber, S. 94).

„Wenn du diesen Duft nicht magst, braucht dein Körper dieses Öl gerade ganz besonders.“

Auf welcher Logik diese Aussage beruhen soll, bleibt mir leider verborgen. Das ist so, als würde man sagen: wenn dir von Lebensmittel XY schlecht wird, solltest du das deinem Körper zuliebe unbedingt essen. Ich denke nicht. Dass die Duftakzeptanz bei der Anwendung ätherischer Öle eine wichtige Rolle spielt, ist common sense. Ein Duft, den ich nicht gern rieche, wird intuitiv unter anderem zu einer flacheren Atmung führen. Das führt wiederum zu einer schlechteren Aufnahme von Sauerstoff. Keine gute Sache, oder? Vertraut eurem Geruchssinn also – es hat seinen Sinn, wenn ihr etwas „nicht riechen könnt“.

„Dieses ätherische Öl ist so rein, das kannst du ruhig unverdünnt anwenden.“

Aus Marketingsicht ist das durchaus ein schlauer Kniff, die Reinheit eines ätherischen Öls als Grund dafür anzugeben, dass man es unverdünnt anwenden kann. Die Wahrheit ist: ob ich ein Öl unverdünnt auf der Haut anwenden kann, liegt einzig und allein an seinen Inhaltsstoffen. Lavendel, Teebaum und Pfefferminze sind bspw. dafür geeignet, kurzzeitig und punktuell unverdünnt aufgetragen zu werden. Bei vielen anderen ätherischen Ölen ist es hingegen nicht empfehlenswert – das ist einfach eine Frage der Sicherheit bei der Anwendung. Davon abgesehen ist es auch fragwürdig, wie sinnvoll es ist, ätherische Öle pur anzuwenden. Für therapeutische Zwecke kann es sinnvoll sein; für Anwendungen, die im Wohlfühl-Bereich liegen und insbesondere für Anwendungen, die der Psyche zugutekommen sollen, sind starke Verdünnungen (zwischen 0,5% und 1,5%)  viel effektiver.

„Ätherische Öle wirken eh nicht, das ist doch wie bei Globuli.“

Homöopathie und Aromatherapie gleichzusetzen, ist wenig sinnvoll. Bei der Homöopathie werden Substanzen so stark verdünnt, dass sie nicht mehr im Labor nachgewiesen werden können. Bei der Aromatherapie werden bestimmte Inhaltsstoffe einer Pflanze durch verschiedene Gewinnungsverfahren hingegen stark konzentriert. Ihr erinnert euch: für 1 Liter Rosenöl werden 3-5 Tonnen (!) Rosenblüten verwendet. Somit stellen für mich persönlich Aromatherapie und Homöopathie zwei Gegenpole dar. (Das heißt aber nicht, dass sie sich nicht ergänzen können.)

„Das sind Öle mit einer ganz besonderen therapeutischen Qualität.“

Dieser Satz sagt nichts, aber wirklich auch gar nichts über die Qualität eines ätherischen Öls aus. Ich persönlich lege viel mehr Wert darauf, dass ein ätherisches Öl naturrein, unverfälscht und Bio-zertifiziert ist. Zu diesem Thema empfehle ich euch gern einen Artikel von Dr. Robert Pappas, den Margareta Ahrer ins Deutsche übersetzt hat.

„Oregano-Kapseln sind suuuper fürs Immunsystem, ich nehme die ja täglich.“

Oregano-Öl gehört zu den ätherischen Ölen mit starker antibakterieller und antiviraler Wirkung. Wer würde denn auf die Idee kommen, freiwillig jeden Tag Antibiotika zu schlucken, um das Immunsystem zu stärken? Ich hoffe niemand. Ätherisches Oregano-Öl unterscheidet nämlich genauso wenig wie ein verschreibungspflichtiges Antibiotikum zwischen guten und schlechten Bakterien, sondern ist in unspezifischer Angriffslaune gegenüber Bakterien (und Viren) aller Art. Und das betrifft dann natürlich auch die Darmflora. Diese jeden Tag zu bombardieren ist definitiv keine gute Idee. Deshalb solltet ihr Oregano-Kapseln(wenn’s unbedingt Kapseln sein sollen) nur dann für einen kurzen Zeitraum einnehmen, wenn es wirklich sinnvoll ist, zum Beispiel bei einem starken grippalen Infekt. Ich persönlich würde dann genau wie bei einem Antibiotikum aus der Apotheke parallel und danach die Darmflora immer mit Probiotika stärken.

„Ätherische Öle bieten in der Hautpflege gar keinen Mehrwert.“

Eine meiner „liebsten“ Aussagen im Zusammenhang mit ätherischen Ölen und ihrer Wirkung auf die Haut. Eng verwandt damit ist übrigens der Satz „Ätherische Öle dienen in Cremes nur der Konservierung.“ Wenn ätherische Öle für die Haut so gar nichts tun können, dann frage ich mich, wieso sie in der Aromapflege so erfolgreich bei der Behandlung von Wunden, Narben und Hautirritationen verschiedenster Art oder zur Dekubitusprophylaxe angewendet werden. Das Thema der ätherischen Öle in der Hautpflege beschäftigt mich schon seit langem und es wird zu diesem komplexen Thema auch noch eigene Beiträge geben.

„Weihrauchöl kann Krebs heilen.“

Puh. Vorsicht mit solchen Aussagen, die Betroffene in die Irre führen und falsche Hoffnungen wecken können. Ja, es gibt Studien, in denen antitumorale Eigenschaften des Weihrauchs – insbesondere der darin enthaltenen Boswelliasäure –  untersucht worden sind. Aber Boswelliasäure ist im ätherischen Öl des Weihrauchs gar nicht zu finden! Ätherisches Weihrauchöl besitzt zwar entzündungshemmende Eigenschaften – als Heilmittel sollte es dennoch nicht angepriesen werden, findet auch das Deutsche Krebsforschungszentrum.

„Wenn deine Haut bei der Verwendung ätherischer Öle brennt oder schmerzt, ist das ein gutes Zeichen der Entgiftung.“

Nein. Wenn viele, viele Tropfen ätherisches Öl unverdünnt auf die Haut aufgetragen werden und die Haut darauf schmerzhaft reagiert, hat das rein gar nichts mit Entgiftung zu tun. Es ist schlichtweg ein Zeichen dafür, dass der Haut absolut nicht gefällt, was da passiert – und dieser Zustand sollte keinesfalls ertragen werden (und am besten gar nicht erst verursacht werden). Wenn eure Haut auf ätherische Öle mit Brennen, starken Rötungen oder sogar Ausschlag reagiert, dann solltet ihr entsprechende Maßnahmen einleiten: mit Wasser und Seife gründlich waschen – die Seife ist wichtig, da ätherische Öle bekanntermaßen nicht wasserlöslich sind. Tragt anschließend ein Pflanzenöl (Mandel- oder Jojobaöl, auf die Schnelle tut es zur Not auch ein Pflanzenöl aus der Küche) auf die betroffenen Partien auf. Sollten die Reaktionen besonders heftig sein, geht bitte umgehend zum Arzt.

Zitronenöl enthält jede Menge Vitamin C, mach‘ das ruhig immer in dein Trinkwasser!

Dazu zwei Punkte. Punkt Nummer 1: Ätherisches Zitronen-Öl enthält kein Vitamin C. (Siehe dazu auch ein Beitrag von Eliane Zimmermann.) Damit ist eigentlich schon alles gesagt zu dieser sinnfreien Empfehlung gesagt. Aber dennoch – Punkt Nummer 2: Ätherische Öle in Getränken sind so eine Sache, vor allem in Wasser. Ich wiederhole mich an dieser Stelle gern: Ätherische Öle sind nicht wasserlöslich. Wir brauchen daher einen Emulgator. Das kann bspw. ein Teelöffelchen Honig sein, den wir aromatisieren und dann in unseren Tee geben. Auch kohlensäurehaltiges Wasser ist geeignet (es funktioniert nicht wie ein „echter“ Emulgator, hilft aber trotzdem). Aber bitte gebt nie, wirklich niemals, ätherische Öle einfach so in stilles Leitungswasser oder Tee, das kann sehr unangenehm werden!

„Bergamotteöl stört die natürliche Fotosynthese des Menschen.“

Ok, wow! Das ist vielleicht das Absurdeste, was ich im Zusammenhang mit ätherischen Ölen bisher gehört habe. Danke an Eliane Zimmermann fürs Teilen dieses Statements. Ich bin ganz froh, dass ich keine Fotosynthese betreibe, denn sonst würde ich ja vermutlich so aussehen.

„Manche Anbieter bieten ja nur verdünnte Öle an!“

Zum Schluss nochmal zurück zu den ernsthaft zu diskutierenden Aussagen. Manche Anbieter behaupten, dass andere Anbieter Scharlatanerie betreiben würden, weil sie verdünnte Öle anbieten. Richtig ist: seriöse Anbieter ätherischer Öle bieten zum Teil verdünne ätherische Öle an. Das hat aber in mehrfacher Hinsicht seinen Sinn. Nehmen wir bspw. mal ätherisches Rosen-, Neroli- oder Jasmin-Öl. Diese Blütenöle haben ein paar Punkte gemeinsam: sie sind als unverdünnte Variante sehr teuer und sie riechen allesamt sehr intensiv. Deshalb ist es absolut sinnvoll, verdünnte Varianten anzubieten. Neroli oder Rose in 10%iger Verdünnung (mit Alkohol) duften für viele Nasen deutlich gefälliger und lassen sich so viel besser in eigenen Rezepturen verwenden. Erschwinglicher sind sie dadurch auch. Selbstverständlich ist so eine Verdünnung für den Verbraucher transparent, das Produkt heißt dann eben bspw. „Rose 10%“. Mit Scharlatanerie hat das also exakt null komma gar nix zu tun.


Erzählt mal: welche dieser Aussagen sind euch schon begegnet? Und welche mögt ihr dazu noch ergänzen?

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4 Comments

  • Reply Christian 2. März 2020 at 9:56

    Sinngemäße Aussage eines Wundmanagement-Skriptums, ca. 10 Jahre her: Pflanzliche Öle verstopfen die Hautporen.

  • Reply Eliane Zimmermann 2. März 2020 at 12:56

    Danke! Wunderbar liebe Ida, bestens auf den Punkt gebracht! Man könnte diesen Bullshit ja noch dermaßen erweitern…. dafür würde kein Großraum-Monitor ausreichen oder man würde sich die Finger wund scrollen und dann müsste man an esoterischen Hokuspokus glauben, damit Lavendelöl einem diese Schmerzen nehmen würde!

  • Reply Kathrin 2. März 2020 at 13:17

    Liebe Ida, herzlichen Dank für diesen informativen und unterhaltsamen Artikel! Ich liebe deine gut recherchierten, fundierten Artikel, die niemals trocken oder schwer verständlich sind, sondern einfach super geschrieben! Da hüpft mein Wissenschaftlerinnen (Toxikologinnen)-Herz und das des ÄÖ-Fans gleichermaßen! LG Kathrin

  • Reply Waldfee 2. März 2020 at 14:15

    Wieder sehr interessant geschrieben. Die meisten dieser Aussagen hätte ich auch aus dem Stand in die Ecke geworfen. Vieles sagt einem ja schon der gesunde Menschenverstand. Dankeschön für die interessanten Hintergrundinfos.
    Da ich ja ein Lavendelöl-Fan bin, werde ich doch gleich mal wieder die schöne Körperlotion von Hauschka reaktivieren. Liebe Grüße, Kathrin

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