Gedankensplitter: von Hamsterrädern, Leerlauf und der Freiheit der Langsamkeit

15. Oktober 2018

Eigentlich wollte ich die Woche mit einem Beitrag über eine neue Limited Edition beginnen. Während ich am Wochenende die Fotos bearbeitet habe, dachte ich mal wieder: Mensch, ist das schön, dass es noch Firmen gibt, die einfach nur zweimal im Jahr limitierte Produkte herausbringen, anstatt im Monatstakt mit LEs um sich zu schmeißen. Und wie ich so über den Kampf um die Gunst der Konsumenten in Drogeriemärkten, Slow Beauty und tempogetriebenen Konsum nachdachte, wurde mir klar: Zeit und Tempo sind irgendwie auf vielen Ebenen gerade meine Themen.

Viel zu schnell sind wir im Alltag im Hamsterrad unterwegs und rennen unseren eigenen To-Do-Listen hinterher, anstatt auf erholsame Atempausen zu achten. Das ist mir in den letzten Wochen vor allem dann gerade wieder bewusst geworden, als mich der x-te Infekt in Folge für kurze Zeit in die Zwangspause geschickt hat – und erstaunlicherweise der Schreibtisch unter der liegen gebliebenen Arbeit nicht zusammengebrochen ist, sondern mit stoischer Gelassenheit einfach darauf gewartet hat, dass ich mich ihm wieder mit voller Aufmerksamkeit und Kraft zuwende.

Also habe ich beschlossen, mir wieder bewusst auch im Alltag mehr Zeit zum Luftholen zu nehmen. Dingen, die mir am Herzen liegen, mehr Raum im Leben geben. Und mit Dingen meine ich dabei eben keine Gegenstände, sondern vielmehr Erlebnisse, Erfahrungen und vor allem auch Begegnungen, die die innere Schatztruhe reich bestücken und sich im Herzen zu diesem oftmals so schwer zu definierenden Gefühl der Zufriedenheit, der inneren Harmonie und des In-sich-ruhens zusammensetzen.

Für mich persönlich ist dieses Puzzlespiel aber nur dann möglich, wenn ich nicht durch die Kalenderwochen rase wie der Roadrunner,  sondern das Tempo mal bewusst rausnehme, um sicher die Spur halten zu können, anstatt mit Vollgas aus der Kurve zu fliegen. Akzeptiere, dass manche Dinge eben einfach ihre Zeit brauchen (unter anderem gerade mein großes Learning, seit ich nach vielen, vielen Jahren wieder mit dem Klavierspielen angefangen habe).

Überhaupt – warten zu können! Erinnert ihr euch noch an die Zeiten, in denen man an der Bushaltestelle einfach nur so rumstand und nichts anderes gemacht hat, als – nun ja – eben auf den Bus zu warten? Heute will sich scheinbar niemand mehr mit diesem unbequemen Gefühl des Es-passiert-ja-gar-nichts, während die Sekunden zäh wie Honig dahinfließen, auseinandersetzen; sei es an der Haltestelle, im Wartezimmer beim Arzt oder an der Schlange im Supermarkt. Ich übe mich zunehmend wieder darin, auch mal Leerlauf auszuhalten – atmen und sein.

Der Langsamkeit wieder mehr Raum in meinem Leben zu geben, heißt übrigens natürlich nicht, dass ich meine Tage vertrödle, erst um 10 den Laptop aufklappe und die Mittagspause auf drei Stunden ausdehne – die Geduld meines Schreibtischs hat dann doch auch ihre Grenzen. Aber es heißt für mich persönlich, auf  tägliche Atempausen zu achten, in denen ich meine innere Schatztruhe mit Dialogen, Musik, Literatur oder Natur bereichere. In einer solchen Atempause ist übrigens auch das Titelbild entstanden.

„Trust the timing of your life“ steht auf meinem Moodboard. Von “Trust the speed of the Hamsterrad” habe ich bisher noch nirgends gelesen. Also versuche ich, die Freiheit der Langsamkeit wieder öfter zu genießen, ihren Wert zu erkennen und den Dingen ihren Lauf zu lassen – beruflich wie privat. Als chronisch ungeduldiger Mensch ein hartes Stück Arbeit. Aber es wird. So ganz langsam.

In diesem Sinne: habt eine entschleunigte Woche! (Die anfangs erwähnte Limited Edition gibt es dann im nächsten Beitrag natürlich trotzdem zu sehen.)

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7 Comments

  • Reply Ava 15. Oktober 2018 at 13:56

    Ganz tolles Foto!!! Und ein schöner, wahrer Beitrag. Öfter mal in die Wolken schauen statt aufs Smartphone zum Beispiel. Oder mal wieder die Menschen angucken, mit denen man in der Bahn sitzt. Oder aufs Wasser gucken. Und nicht 1000 Dinge gleichzeitig machen (wollen). Tempo rausnehmen und bewusst leben, das ist ein guter Ansatz.

  • Reply Waldfee 15. Oktober 2018 at 17:57

    Ich lerne auch langsam wieder, innezuhalten und einfach vor mich hinzu glotzen. Ohne aufs Handy zu schauen, oder irgendwas zu machen. Hier fliegen seit Tagen die Kraniche in den Süden, das Laub im Garten sieht toll aus und die vertrockneten Hortensien sowieso. Diese dunkelrote Färbung mag ich sehr. Auch der Pfaffenhut mit den dunklen Früchten und dem roten Laub ist sooo schön. Und die Erde riecht so schön. Man merkt gar nicht, das ich ein Herbstfan bin, oder? Also lautet das Motto: „mal Fünfe gerade sein lassen“… wobei ich noch nie rausgefunden habe, was zu den 4 Extremitäten als 5. dazukommt 🙋‍♀️

  • Reply Fräulein Immergrün 15. Oktober 2018 at 20:57

    Liebe Ida,
    ich habe ihm Urlaub ganz deutlich gemerkt, wie schwer mir das fällt, einfach mal inne zu halten, nichts zu tun, zu warten. Ich beschreibe es als Hummeln in Hintern und merke, dass ich das nicht genießen kann – dieses „nichts tun“. Dabei weiß ich, wie wichtig das ist und das ich das eigentlich mal bräuchte – am Ende kommt der Mensch nur so auf neue Ideen, oder?
    Hab eine entschleunigte und ruhe Woche. Hör auf Dich! und sei lieb gegrüßt.

  • Reply Karin | Green Conscience 16. Oktober 2018 at 7:53

    Wahre Worte. Ich habe lange Jahre gebraucht, herauszufinden, dass ich langsam machen muss. Dass ich mich bei der Langsamkeit nicht an anderen, sondern nur an mir selbst orientieren darf.

    Ich habe angefangen, Sauerteig anzusetzen und selbst Brote zu backen. Das zwingt zu einer anderen Zeitplanung, da die Teige eine andere Form von Aufmerksamkeit benötigen, als wir es in der heutigen (schnelllebigen) Zeit gewohnt sind. Mir tut das sehr gut.

    „Hast du denn die Zeit dafür, Sauerteigbrot zu backen?“ ist die falsche Frage. Es ist vielmehr das Brot, das mich dazu bringt, zu entschleunigen.

  • Reply Theresa vom Projekt Schminkumstellung 16. Oktober 2018 at 18:00

    Liebe Ida,
    deine Worte sprechen mir aus der Seele. Die Zeit wird immer schnelllebiger, alles muss jetzt und sofort passieren, was mir insbesondere im Arbeitsalltag auffällt. Kein Wunder, dass wir nach und nach alle ausbrennen. Ich versuche auch, mir Zeit zu schaffen für die Dinge, die wirklich zählen (Menschen, Erlebnisse, die mir Freude bereiten, draußen sein…), aber oft schaffe ich es nicht.
    Viele Grüße (: .

  • Reply Janine 17. Oktober 2018 at 14:29

    Liebe Ida,
    was für schöne Worte und was für ein schönes Foto! Zeit ist momentan auch bei mir ein Thema – irgendwie scheint sie mir unaufhaltsam durch die Finger zu sickern. 2018 dauerte für mich bisher nur einen Wimpernschlag und ich kann kaum glauben, dass wir uns schon mitten im Oktober befinden. Dass ich mehr zur Ruhe kommen muss, habe ich ganz deutlich auch letztes Wochenende wieder gespürt: Ich saß mit meinem Freund am Flußufer, es war ganz still, nur in der Ferne haben ein paar Kinder immer mal wieder beim Spielen gerufen und gelacht. Mein Freund hat die Augen geschlossen und den Moment genossen, dem Fluß beim Fließen gelauscht. Und ich? Ich konnte meinen Mund kaum halten, meine Gedanken nicht vom Rasen abhalten – kurz: Ich konnte den Moment nicht halb so sehr genießen wie er. Das beschäftigt mich nun schon seit einigen Tagen und lässt mich grübeln, wie ich künftig kleine Auszeiten einbauen kann, um alles ein wenig zu entschleunigen. Ein wichtiges Thema!
    Liebe Grüße,
    Janine

  • Reply Kati 22. Oktober 2018 at 22:17

    Liebe Ida,
    ein toller Beitrag – und ein später Kommentar von mir, da ich derzeit kaum zu irgendwas rund um den Blog komme, und sei es nur kommentieren . Abgesehen von schnellebigen Instagram-Fotos fehlt mir einfach die Zeit – auch, weil ich nach der Bildschirm-Arbeit tagsüber einfach mit einem guten Buch und einer ausgiebigen Katzen-Kuschel-Session analog abschalten möchte :) Daher sollte ich mir deine Worte umso mehr zu Herzen nehmen und wie du ein bisschen Ruhe reinbringen. Man lässt sich wirklich zu leicht ins Hamsterrad hinein katapultieren, und aktuell verzeiht es mir mein Schreibtisch leider nicht, wenn ich ihn aus den Augen lasse. Aber so eine Phase soll und darf kein Dauerzustand werden – von daher: Danke für den kleinen Reminder!
    Liebe Grüße,
    Kati

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