Zukunft gestalten #1: i+m Naturkosmetik auf dem Weg zur Holokratie

6. März 2018
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Ende letzten Jahres hatte ich es bereits angekündigt – es ist Zeit für ein neues Format auf dem Blog. Vorhang auf für die Reihe „Zukunft gestalten“! In den Beiträgen dieser Serie möchte ich den Fokus darauf richten, wie Akteure der Naturkosmetikbranche auf verschiedenste Art und Weise dazu beitragen, das zukünftige Leben in verschiedenen Bereichen nachhaltig positiv zu beeinflussen – im Großen und im Kleinen, in Hinblick auf Ökonomie, Ökologie und Soziales. Das kann beispielsweise von Fair Trade-Projekten über soziales Engagement bis hin zu innovativen Formen der Unternehmensführung oder modernen Auffassungen des Arbeitslebens reichen.Den Anfang macht i+m Naturkosmetik. Der Pionier der Naturkosmetikbranche feiert dieses Jahr bereits sein 40-jähriges Bestehen! Dass Tradition und Moderne sich keineswegs ausschließen, zeigen aktuelle Unternehmensentwicklungen: i+m befindet sich derzeit auf dem Weg zu einem holokratischen Unternehmen und stellt damit gängige Modelle des Wirtschaftens und der Unternehmensführung in Frage. Ich habe mit Geschäftsführer Jörg von Kruse über diese Entwicklung gesprochen und ihm einige Fragen dazu gestellt:

Ida: Auf dem Blog von i+m war kürzlich zu lesen, dass das Unternehmen sich auf dem Weg zur Holokratie befindet. Was ist darunter zu verstehen?

Jörg von Kruse:

Der Begriff Holokratie, zusammengefügt aus dem altgriechischen hólos für „alle“ und „kratie“ für „Herrschaft“, ermöglicht unter anderem, dass alle Mitarbeiter Entscheidungen mitgestalten und in ihren Bereichen autonom entscheiden können. Die Geschäftsführung ist dabei auf alle Schultern verteilt. Holokratie oder auch evolutionäre Organisation sind Begriffe unter mehreren, die am ehesten unter dem Klammerbegriff „New Work“ zusammengefasst werden können und ein neues Modell des Wirtschaftens beschreiben. Wichtig ist zu verstehen, dass dieses Modell nicht aus der Theorie kommt, sondern sich organisch an vielen Stellen bzw. in vielen Unternehmen entwickelt, die mit ganz unterschiedlichen Gestaltungen experimentieren. Daher lässt sich hier auch keine genaue Definition oder ein Begriff nennen. Am ehesten kann man wohl sagen, dass sich an verschiedenen Stellen gewisse Gemeinsamkeiten herausbilden, die mit den Schlagworten Selbstführung, Ganzheitlichkeit und evolutionärer Sinn beschrieben werden können. Ein Unternehmen wird nicht mehr wie eine Maschine gedacht, sondern als lebendiger Organismus verstanden, dessen Zellen miteinander kooperieren und der als Ganzes in einem Austausch bzw. einem Anpassungsprozess mit seinem Umfeld steht und dessen Überleben von diesem abhängig ist.

Ida: Wie kam es zu dieser Entscheidung? Was hat den Anstoß dazu gegeben?

Jörg von Kruse: Bei i+m gibt es seit längerem sehr flache Hierarchien und vieles läuft ohnehin nach dem Prinzip der Selbstorganisation. Dann wurde ich durch unsere Firmentrainerin und Coach Gaby Haiber auf das Buch von Frederic Laloux, Reinventing Organisations, aufmerksam gemacht. Laloux untersucht darin verschiedene Unternehmen, die mit den oben genannten Prinzipien arbeiten und versucht, gemeinsame Muster darin zu entdecken. Da wir selbst schon in dieser Richtung unterwegs waren, sah ich die Chance für i+m, aus den selbstgestrickten Lösungen und dem Experimentieren herauszutreten und auf die teils langjährigen Erfahrungen ähnlich gesinnter Unternehmen zurückzugreifen. Ich glaube, wir kommen dadurch schneller in der eingeschlagenen Richtung voran und sparen uns hoffentlich auch ein paar schmerzhafte Fehler.

Ida: Und was wollt ihr mit dieser neuen Arbeitsweise erreichen?

Jörg von Kruse: Neben der Herstellung hochwirksamer und naturbelassener Naturkosmetik fungiert i+m seit Beginn seiner vierzigjährigen Geschichte als eine Art Labor, in dem „grüne“ Ideen ausprobiert werden. Dadurch konnte i+m in diesen Bereichen immer wieder eine Vorreiterrolle einnehmen und andere zur Nachahmung inspirieren. Das evolutionäre Organisationsmodell, das wir gerade testen, ist für mich das erste neue Wirtschaftsmodell, bei dem ich mir vorstellen kann, dass es in der Lage ist, die Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen, das heißt einerseits effektiv genug, um die vielen Menschen auf diesem Planeten zu ernähren, und andererseits die Verbindung zur Natur und den anderen Menschen zu schaffen, um deren soziale und ökologische Bedürfnisse zu berücksichtigen.

Ida: Kannst du uns ein konkretes Beispiel aus dem Arbeitsalltag bei i+m geben, das den Mehrwert einer holokratischen Unternehmensführung verdeutlicht?

Jörg von Kruse: Nehmen wir die Anstellung neuer Mitarbeiter: Früher habe ich den Bewerbungsprozess federführend mit meiner Geschäftsführerkollegin Verena betreut, heute entwickeln die KollegInnen, die zukünftig zusammenarbeiten werden, den Stellenausschreibungstext, schauen sich die Bewerbungen an und führen die ersten Bewerbungsgespräche. Später werde ich und dann auch noch das gesamte Team in den Prozess einbezogen. Das ist zwar für den Bewerber ungewöhnlich und manchmal herausfordernd, weil er durch mehrere Bewerbungsgespräche muss und am Ende nochmals dem ganzen Team gegenüber sitzt. Die Vorteile aber liegen auf der Hand. Diejenigen, die später zusammenarbeiten müssen, können am besten beurteilen, welche Voraussetzungen eine neue Kollegin mitbringen sollte und ob die „Chemie“ stimmt.

Ida: Holokratie wird häufig als „Führen ohne Chef“ bezeichnet. Inwiefern beeinflusst der Weg zur Holokratie deine eigene Position innerhalb des Unternehmens?

Jörg von Kruse: Meine Rolle ändert sich gewaltig. Bis zur Einführung der Selbstführung bestand meine Arbeit zu ca. 50 % aus dem Fällen von Entscheidungen. Dies hat sich nun erheblich reduziert, da unsere Mitarbeiter nun vielmehr Entscheidungen selber fällen. Meine Rolle als Geschäftsführer ändert sich von einer führenden Rolle hin zu einer eher dienenden bzw. unterstützenden Rolle. Und von einer kontrollierenden zu einer vertrauenden Haltung. Meine Aufgabe ist es, gute Bedingungen zu schaffen, das heißt Strukturen und Entscheidungsverfahren zu etablieren, die die Selbstführung fördern und die Möglichkeiten für die Mitarbeiter zu verbessern, sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit einzubringen.

Ida: Was ist aus deiner Sicht die größte Herausforderung im Zuge der holokratischen Neugestaltung?

Jörg von Kruse: Wir sind in unseren Arbeitsprozessen kulturell an Hierarchien gewöhnt. Nur Wenige fällen die Entscheidungen und die meisten Menschen führen Entscheidungen nur aus. Wenn nun die einen weniger und die anderen mehr entscheiden, bedeutet dies für beide Gruppen eine radikale Veränderung, die wir differenziert betrachten müssen: Für die Entscheider besteht eine Herausforderung darin, sich neue Tätigkeiten zu suchen. Die andere, vielleicht noch größere Herausforderung, ist der plötzliche Bedeutungsverlust. Entscheider erzeugen ihr positives Selbstwertgefühl oft stark durch ihre hierarchische Position. Wenn diese schwindet, bricht auch das Selbstwertgefühl zusammen. Das kann ziemlich verunsichern, aber letztlich finde ich es gut, denn früher oder später im Leben bricht die hierarchische Funktion ohnehin weg und spätestens dann zeigt sich das daraus abgeleitete Selbstwertgefühl als große Illusion. Schließlich, und das ist vielleicht die wichtigste Veränderung, benötigt es sehr, sehr viel mehr Vertrauen in die Mitarbeiter: Vertrauen, dass nicht egoistische Interessen dominieren, sondern im Sinne des Unternehmens entschieden wird; dann das  Vertrauen, dass sich Mühe gegeben wird, Vertrauen in die Ehrlichkeit bzw. dass trotzdem die Arbeit erledigt und man sich engagiert.

Ida: Vor welchen Herausforderungen steht die viel größere Gruppe von Menschen, die die Entscheidungen der Wenigen ausführen?

Jörg von Kruse: 

Sie müssen oft erst lernen, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Dies macht vielen Angst. Andere müssen erst den Blick für das Ganze entwickeln und lernen, sich nicht zu überschätzen. Auf jeden Fall ist es ganz wichtig, zu schauen, wer wo steht und das Holokratiekonzept als einen Prozess zu begreifen, in dem es nicht darum geht, von heute auf morgen alles zu ändern, sondern den Mitarbeitern die Zeit und Ressourcen an die Hand zu geben, um dies zu lernen. Auch hier bin ich überzeugt, dass es zwar vielleicht zu Beginn schwierig sein kann, aber die Menschen auf Dauer glücklicher macht, wenn ihnen vertraut und etwas zugetraut wird und sie Verantwortung übernehmen können.

Ida: Unternehmensführung geschieht ja aus Kundensicht eher „hinter den Kulissen“. Wie wirkt sich die Umgestaltung auf Bereiche aus, die die Kunden betreffen, wie bspw. die Produktentwicklung?



Jörg von Kruse: Die Umgestaltung führt insgesamt zu mehr Transparenz im Unternehmen. Alles wird durchlässiger. Alle Mitarbeiter können sich an der Produktentwicklung beteiligen und Ideen einbringen. Dasselbe gilt letztlich auch für die Kunden.

Ida: Hast du für interessierte Leser noch ein, zwei Lesetipps zum Thema Holokratie?

Jörg von Kruse: Zum einen das bereits genannte Buch von Frederich Laloux, Reinventing Organisations, das es als umfangreichere und als Light-Version gibt. Dann kann man noch spannende Anregungen auf dem Internet-Portal intrinsify.me finden und wen es interessiert, mal ein Beispiel zu sehen, bei dem der ganze Prozess recht weit fortgeschritten und gut dokumentiert ist, der schaue sich betterplace lab an. Hier findet man die ausgearbeitete Organisationsstruktur und hier die dazugehörige Blogartikelreihe von Joana Breidenbach und Bettina Rollow, die den Prozess begleitet haben.

Herzlichen Dank für die detaillierten Einblicke, Jörg von Kruse, und viel Erfolg auf dem weiteren Weg in Richtung Holokratie!

Das war er also, der Auftakt der Reihe „Zukunft gestalten“! Ich hoffe, diese Art der Ein- und Ausblicke sind für euch spannend! Im zweiten Teil (folgt im April) wird soziales Engagement im Fokus stehen.

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9 Comments

  • Reply Bine 6. März 2018 at 18:46

    Hallo Ida,

    Ein großartiger Blogauftakt- erinnert er mich doch auch an Masterzeiten mit nachhaltiger Unternehmensführung. Spannendes Thema! Viel Erfolg und Freude bei den weiteren Beiträgen- die ich mit Spannung lesen werde :))

    • Reply Herbs & Flowers 19. März 2018 at 16:22

      Danke, Bine! :) War die Vorlesung in Ethik doch noch zu was gut, wer hätte das gedacht. :D :D :D

  • Reply Theresa vom Projekt Schminkumstellung 7. März 2018 at 11:16

    Liebe Ida,
    wow, sehr, sehr interessante Form der Unternehmungsführung und eine tolle Idee für eine neue Blogreihe!
    Ein mutiger Schritt für ein Unternehmen, der von viel Vertrauen in seine Mitarbeiter zeugt. Hut ab!
    Ganz liebe Grüße.

    • Reply Herbs & Flowers 19. März 2018 at 16:23

      Das stimmt, Vertrauen in die Mitarbeiter ist dafür sicher die unabdingbare Basis. Sicher keine Selbstverständlichkeit.

  • Reply Sonja 8. März 2018 at 11:22

    Ich finde es ziemlich mutig, so einen Schritt zu wagen und hoffe, dass sich vielleicht einige Unternehmen ein Beispiel daran nehmen, denn ich denke, das ist durchaus ein zukunftsfähiges Modell…
    Danke für das Interview bzw. den spannenden Beitrag!
    Liebe Grüße,
    Sonja

    • Reply Herbs & Flowers 19. März 2018 at 16:00

      Ja, ich finde es auch mutig und bin gespannt, ob andere Unternehmen sich ein Beispiel daran nehmen!

  • Reply strawberrymouse 11. März 2018 at 21:27

    Sehr spannend! Spricht mich als Organisationspädagogin voll an!

    • Reply Herbs & Flowers 19. März 2018 at 16:04

      Oja, das kann ich mir vorstellen, dass das für dich spannend ist! :)

  • Reply Zukunft gestalten #2: amo como soy und die Mädchen in Bolivien - herbsandflowers.de 12. April 2018 at 7:00

    […] die sich auf unterschiedliche Weise in bestimmten Bereichen engagieren. Im ersten Teil habt ihr im Interview mit Jörg von Kruse erfahren, wie der Weg von i+m Naturkosmetik hin zur Holokratie […]

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